Senor Sanchez GedichtelsstundeWenn sich sonst niemand dazu aufrafft, dem Blog etwas Gutes zu tun, muss sich nun wohl oder übel meine Wenigkeit daran machen, die Herzen, Nieren und auch das Colon ascendens der werten Leserschaft mit feiner, zeitvertreiblicher Gegenwartsliteratur zu erfreuen.
Meine Damen und Herren, Kinder wie Senioren, Hasen und Bären lesen Sie heute, wie angekündigt, die Geschichte eines Schicksals, das herzzerreissender nicht sein könnte.

Das Schicksal eines Mädchens zur Zeit der kommunistischen Okkupation in Ostpolen, die Erlebnisse von Poppe Charisma und zwar in der verlängerten Protestversion redigiert von Bolek Brzenczyszczykiewic. Kommentare wie immer erwünscht und Kritik dringlichst erbeten. Bei Klagen - aufs Maul oder was.

Poppe Charisma (highly extended political protest version)

„Poppe, Poppe. Aufgewacht, aufgewacht, die Sonnse lacht?“, hallte die Stimme durch das polnische Reihenhaus nahe Gorzów Wielkopolsky, einer Stadt im östlichen Nord-Süd-Westen Polens.
Es war die Stimme ihres Vaters, der sie wieder einmal früh, ach, viel zu früh aus ihrem kleinen, blechernen Feldbettchen weckte, um nicht zu sagen: aufweckte.
Sie wälzte sich - inklusive ihrer, wie sie gerne zu sagen pflegte, überflüssigen Pfunde - aus diesem dünnen, klapprigen Metall, nein Drahtgestell.
Sie blickte auf die alte, ziemlich wertvolle Standuhr, ein Erbstück von Oma Charisma, das sie immer um das fette Handgelenk trug.

„Scheiße, Vatter war wieder zu früh dran!“, krächzte sie mit ihrer Reibeisen-Bassstimme, die so richtig gut zu ihrem plumpen, grobschlächtigen „Polnische-Bauernmädchen-Gesicht“ passte. Sie war rein optisch ein Barbara Karlich/Ellen Umlauf- und Vera Russwurm-Verschnitt, die irgendwie ihre Tanten fünften Grades waren. Von jeder hatte sie nur die schlechtesten Eigenschaften: nicht zu übersehende Fettpölsterchen, um nicht zu sagen Fettpölster, oder fast schon Fettdecken. Von Muhme Ellen das Aussehen und den schütteren Haarwuchs. Und von Base Vera den riesigen, mittlerweile schon schwarz gewordenen Pickel über der Oberlippe.
So stieg sie also, wie jeden Morgen, die Leiter hinunter, die von ihrer Kammer direkt in die hauseigene Schlächterei führte. Diese war seit circa 19 Generationen in Familienbesitz und genauso wie Vater, Mutter und Schwester arbeitete auch Poppe ihre Schulden dort ab.
Ihr Job war es, den halbtoten Pudeln, die ihre Schwester erst (nur fast) zu Tode gequält hatte, den Gnadenstoß zu geben. Die armen Tierchen waren schon total am Ende, als sie mit dem Fließband Poppes Arbeitsstation erreichten, und flehten mit den Augen (!?) nach dem Tod.
Poppe hasste ihre Arbeit. Ohne Aufregung, Spannung und Sinn. Jeden Tag das Gleiche machen, nämlich blind – mit geschlossnen Augen – auf die Viecher einstechen, bis kein Laut mehr vom Fließband kam (die geschlossenen Augen darum, weil einem sonst lauwarmes Pudelblut in die Augen spritzte. Auf die Idee, sich Schutzbrillen zu besorgen, kamen die scheißblöden Charismas nicht).
Am meisten nervte Poppe, dass sie mit den toten Pudeln nichts anzufangen wussten. Als Kind hatte sie öfters versucht mit ihnen zu spielen, ja, mit ihnen Gassi zu gehen. Sie band ihnen Seile um die Hälse und rannte mit den
Kadavern im Schlepptau durch ganz Gorzów Wielkopolsky. Doch irgendwie hatte sie das Gefühl, dass die Hündchen nicht so ganz wollten. So ließ sie das Spielen bleiben.
Als sie dann älter wurde, hatte sie den wahrlich grenzgenialen Einfall, das Getier zu essen. Schmeckte aber ganz und gar nach Fell, Blut und Hundekot. Doch auf den noch grenzgenialeren Einfall, die Viecher zu rupfen und zu braten und nicht nur den hinteren Teil der Hunde als essbar zu bezeichnen, kam das einfältige Mädchen nicht.
So liegt seit 19 Generationen ein immenser Haufen Pudelkadaver in einer Ecke des riesigen Schlachthauses und schimmelt vor sich hin und her. Doch heute sollte es ganz anders kommen.
Wie jeden Tag stellte sich Poppe – Pöppchen, wie ihr Vater sie nannte – an ihre Schlachtstation in der westlichen Ecke der Schlachthalle, deren Grundfläche nicht weniger als zwei Hektar maß.
Wieder hörte sie die Schritte ihrer Mutter über den endlosen Korridor knallen. Bei jedem Schritt, nein, es war ein deutliches Stampfen, wurde in Poppe etwas größer, etwas, von dem sie vorher noch nie auch nur die leiseste Ahnung gehabt hatte, dass es überhaupt da war.
So ein Gefühl hatte sie noch nie empfunden, geschweige denn, dass sie jemals zuvor etwas banales wie Gefühle, Emotionen, ja Exaltationen erlebt hatte.
Es brodelte in ihr. Als ihre Mutter den Sicherungshebel für das hauseigene Atomkraftwerk umlegen wollte, war es für Poppe zuviel: „Neeee, nich mit mir. Da mach ich nicht mehr mit!“ brüllte sie mit einer Stimme, dass sich die Pudel auf den Fließbändern im Kollektiv aufzufressen drohten. Nur mit Mühe konnte der alte Charisma die Viecher im Zaum halten.
Es war die Rebellion, die aus Poppe schrie. Der Wiederstand gegen die Eltern, gegen ihr unrechtes Werk. Man konnte doch nicht ohne Lizenz ein polnisches AKW betreiben.
Wütend rollte sie auf ihre Mutter zu und streckte sie mit einem gezieltem Tritt in den überdimensionalen Hintern nieder. Sie riss den Zentralschalter aus der Verankerung und stopfte ihn in das Kühlwasserleck von anno 65´ (Poppes Geburtsjahr).
„So hat schon alles seine Richtigkeit“ brummelte sie.
Zwar ging darauf der Reaktorkern in Brüche, aber sie hatte ihren Schweinehund überwunden und endlich etwas Produktives getan. Nach der Katasrophe, die ganz Gorzów Wielkopolsky von der Landkarte fegte, war Polen dem Schritt in die EU wieder ein paar Zentimeter näher.
Und was wurde aus unserer kleinen Poppe? Sie wanderte mit ihrer verstrahlten Schwester nach Österreich aus und wurde in der Politik tätig. Sie gründete eine kleine Partei, die gegen solche AKWs wie jene zu Hause in Polen kämpft. Sie nannten sich „die Grünen“. Ausserdem änderten sie und ihre Schwester ihre Namen.
Heute ist die Partei beliebter denn je. Das ist nur Poppe Charisma zu verdanken. Poppe alias Madelene Petrovitch, ihr und ihrer Schwester Alexander van der – Wau Wau – Bellen. Ja, ja, liebe Kinder, da seht ihr es wieder einmal: So weit kann man es mit etwas politischem Protest bringen.