Das Leben mit Standardabweichung
7 Okt
Werte Leserinnen und Leser, liebe Error-Gemeinde. Wir schreiben Freitag den siebenten Oktober, im Jahre des Herrn Zwotausendundfünf.
Vor meinen Augen tun sich Sphären von Langeweile, Unverständnis und Dummheit auf, und wären sie, verehrter Zuhörer, an meiner Stelle, würde ich sie genau so bemitleiden, wie ich mir das nun auf das Sehnlichste wünsche. Ganz recht, euer Sanchez sitzt in der Alma Mater, der Universitas universarii, der Schola pandemonium und zwar in der letzten Reihe und wundert sich.
Würde Blödheit knattern, man müsste annehmen, man befände sich im Triebwerk einer alten Tu-96.
Aber naja.
Ich nehme die Situation zum Anlass, wiedermal um euren Beifall zu buhlen, um eure Schelte zu kämpfen. Kommentare erwünscht, Kritik erbeten – und dass mir keine Klagen kommen.
Heute lesen Sie, aufgrund des vorangegangenen Erfolges, wieder über Bären - jedoch diesmal nicht in Lyrik, sondern in derber, trivialer Prosa.
Meine Damen und Herren, der errorblog freut sich ihnen präsentieren zu dürfen, frisch aus Sanchez’ Bären-Särien: Raschnikoff
Raschnikoff
Wer war er denn schon. Sein Leben hatte sowieso keinen Sinn mehr. Nur noch tagein, tagaus in dieser scheiß Mine arbeiten. Und wofür? Für nichts. Nicht mal für einen Hungerlohn. Von einem Durstlohn ganz zu schweigen.
Ja, ja. Diese und ähnliche, aber nicht ganz gleiche Gedanken gingen ihm unentwegt durch den Kopf.
Sein Name war Raschnikoff, eigentlich Rashnykow, aber niemand hatte sich auch jemals die Mühe gemacht, seinen Namen richtig zu schreiben. Ja, ja. Er war ein Nichts, ein Niemand. Und er verdiente sich sein Brot, seine Semmeln und manchmal sogar seine Brioche-Kipferl in einer Mine. Nein, nein, nicht in so einer mit kleinen Kindern, zerfetzten, blutigen Beinstummeln, Geschrei und Tod, nein, er arbeitete in einer stinklangweiligen, langweilig stinkenden Bergwerksmine. Ja, genau so eine mit Steinen, Felsen, Kies, Schotter, Grubengas, sporadisch auftretenden Grubengasexplosionen und Stolleneinbrüchen, und, last but not least: wieder Steinen.
Raschnikoff war Grubenbär aus reinster Seele. Er hackte jeden Tag aufs Neue Löcher in das Felsmassiv unter einer Kleinstadt nahe einer kleinen Stadt.
Eigentlich war Raschnikoff, der Grubenbär, ein kleiner verklemmter Braunbär mit wahnsinnigen Überlebensängsten und einer anstaltsreifen Existenzparanoia.
Es war sein 34ster Geburtstag. Ein schwüler Montag im Mai.
Eigentlich wollte er sich den Tag freinehmen, um mal anständig zu feiern. Doch als er es sich recht überlegte, wurde ihm mit erschreckender Härte klar, dass niemand, aber auch wirklich niemand, zu einer etwaigen Feier kommen würde. Außerdem wusste er ja nicht einmal, bei wem er sich seinen freien Tag nehmen konnte. Er hatte ja im direkten Sinn keinen Arbeitgeber. Er grub ja nur aus reiner Langeweile.
So begab er sich auch dieses Mal wieder in die Steinmine.
Als er so im Aufzug nach unten stand, kamen Erinnerungen an seine Frau hoch.
Ja, man glaubt es kaum: Raschnikoff war verheiratet. Ja, so richtig mit Kirche, Dorfpfarrer, Ring und Frau.
Sie hieß Olga und war das süßeste Wesen, das man sich auf Gottes weitem Grasboden vorstellen konnte.
Groß, blond, lange Beine, super Knackarsch, geile Titten. Mit ihr konnte er über alles reden. Und jeden Abend fickte er sie, als gäbe es kein Morgen. Er war ja fast so weit, dass er seine Ängste ablegen konnte.
Doch dann geschah es.
Es war sein 33ster Geburtstag. Ein schwüler Dienstag im Mai.
Damals wollte er ihr in seinem jugendlichem Übermut seinen Betrieb zeigen.
Als sie auf einen spitzen Stein trat, bekam sie ein Loch in ihrer pfirsichfarbenen Gummihaut, und die Luft ging aus.
Nicht einmal die Notärzte konnten sie wieder aufblasen. Sie konnten nur mehr den Tod durch Sauerstoffmangel feststellen.
Mit diesen Gedanken hielt Raschnikoff den Aufzug an.
Vielleicht war diese Tiefe ja ausreichend.
Ja, sie war es. Er roch es. Ganz deutlich. Grubengas.
Langsam nahm er eine Zigarette aus der Packung und steckt sie in den Mund.
Er bemerkte, dass seine Tatzen gar nicht mehr zitterten.
Raschnikoff atmete noch einmal tief ein. Ihm war, als hätte er kurz Olgas Stimme vernommen.
Kurz noch sah er die kleine Flamme. Schnell wurde sie größer. Heiß. Dunkel.
Wir danken für ihre Aufmerksamkeit - Fortsetzung folgt -
stay tuned for “Poppe Charisma” (in der highly extended political protest version).
3 Antworten für "Onkel Davids Lesestunde"
Du hast wohl ein Faible für sterbende Bären in derben Geschichten. Hast du mal über deine Kindheit nachgedacht
? Is da alle glatt gelaufen dass du solchetoll verrückten Geschichten schreibst?
Gefällt mir aber sehr, mal was anderes
*Der nächste Beitrag ist nicht für Jugendliche unter 16 Jahren geeignet* sagt die Frau im Fernseher gerade - so ein Zufall - schmunzel.
Ad mandOo: Glaube die Öschis sans alle so unnerwegs… hrhrhr
Ad mandOo & martin:
Über meine Kindheit kann ich bis heute noch nicht offen sprechen ;-), nein, nein.
Aber sind wir uns mal ehrlich - wenn man in dieser heutigen zeit den entschluss fasst über tiere zu schreiben stellt sich einem das problem dass etwaige rollen durch durch märchen und andere lobbys zt. gut andere jedoch schlecht wegkamen - der listige fuchs, der böse wolf.
Und der Bär stand eigentlich immer ein wenig abseits. Es existieren wenige storys von Bären und wenn man welche findet ist seine Rolle eher negativ besetzt - langer Rede kurzer Sinn - Gebt dem Bären eine Lobby - denn auch er hat ein Schicksal
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