Das Leben mit Standardabweichung
18 Jul
Eigentlich ist es unmöglich, Lambchop einer bestimmten Stilrichtung zuzuordnen. Die Gruppe um Bandleader Kurt Wagner gilt als “leiseste Bigband der Welt” und bereichert seit 1983 die Kultur der Erdenmenschen. Warum das so ist, erklären wir in unserem Porträt.
“If you haven’t heard of them, you probably aren’t from Nashville or France.” - Wenn du nicht von ihnen gehört hast, bist du wahrscheinlich nicht aus Nashville oder Frankreich.
Dies verlautet die Website der Band aus Nashville, Tennessee, U.S.A. Kein Wunder, denn auf dieser Seite des Teichs gilt Lambchop noch als Geheimtipp. Das muss sich ändern: Hier handelt es sich nicht um eine beliebige Band der alternativen amerikanischen Musikindustrie. Lambchop ist ein musikalisches Großereignis, das an musikalische Dimensionen wie Beethoven oder Mozart anknöpft.
Aus Nashville Tennessee stammend, sind die Einflüsse dieser Band tief im Country verwurzelt. Das Schaffen von Kurt Wagner, das sich wie eine rote Linie durch Alben und Nebenproduktionen zieht, prägt den Stil stark. Die Band besteht zeitweise aus bis zu 15 Mitgliedern und ist unter anderem aufgrund dessen nur ein lose organisierter Haufen. Das Instrumental entspricht dem einer Bigband, wobei dies je Song stark variieren kann: In der Regel trägt Wagner nur rohe Gerüste von Songs ins Studio, wo sie von der gerade anwesenden Mannschaft an Musikern ausgearbeitet und eingespielt werden. Im Studio wird viel experimentiert, verschiedenste zeitgenössische Elemente nehmen Einfluss auf die Entwicklung der Band. Sind sie mit ihren ersten Veröffentlichungen noch im Alternative-Country-Bereich angesiedelt, bringen sie ab “What Another Man Spills” (1998) immer wieder neue Elemente ein, von Disco über Soul bis zu orchestralen Arrangements mit Falsettostimme oder klavierbetontem Minimalismus.
Wer die Studiosession also verpasst, weil er gerade auf der Arbeit ist, hat wirklich Pech gehabt: Jede Aufnahme, die das Studio verlässt, hat die Qualität eines musikalischen Referenzwerkes.
Über die Jahre hinweg erscheinen so viele Alben, dass selbst Fans Probleme haben, den Überblick zu behalten, siehe hier:
2000 erscheint schließlich das Album “Nixon”, von welchem in Europa 60.000 Exemplare verkauft werden. 2002 wird das Album “Is a woman” von der Süddeutschen Zeitung zu einem der zehn besten aller Zeiten auserkoren. Aber der Erfolge nicht genug: 2004 erscheint das Doppel-Album “Aw C’mon - No, You C’mon!”, welches 2005 von der errorblog.com Redaktion zum essentiellen Grundstock einer jeden Plattensammlung ernannt und gefeiert wird.
Die Texte der Band sind über die ganze Zeit hinweg von außerordentlicher Natur:
“Way above the rest - Isn’t this the fucking best? - Superficial we may say. So down to earth in an earthy kind of way” in Bugs.
“Oooooh - what’s the matter with the boy? Oooooh - has he really given up for sure? But you’re not thinking. Ride around without a sound; restless boy in restless town. You commence to drinking. A bottle up, a bottle down, a bottle white, a bottle brown. Another day peels away” - Grumpus.
Teils Transzendent, teils einfach und direkt, erzählen sie Geschichten unterschiedlichster Natur. Sie erzählen Tragödien des Alltags, polemisieren, sind mal romantisch, mal zynisch. Zwar verkaufen auch sie nicht die “CD-Edition Weltphilosophie” - doch die sehr lyrischen Texte vollenden die Musik zugunsten aller Hörer: Egal, ob als Hintergrundbeschallung oder für aktiven Hörgenuss - Lambchop-Sounds erweisen sich als enorm vielseitig und befriedigen unterschiedlichste Ansprüche.
Ein großes Instrumental, welches neben Klavier und Streichern zeitweise auch von Bläsern begleitet wird, sorgt für vielschichtige Musik. Man kann das Klangerlebnis einer Lambchop-Platte auch nicht im Entferntesten mit dem eines durchschnittlichen Pop-Hits vergleichen. Da jeder Song in einer eigenen Prozedur ensteht, prägt ihn eine eigene Charakteristik. Einen eigenen Geist, der seine Geschichte erzählt.
In dieser Hinsicht betrachtet ist Lambchop sicher nicht gerade ein Anwärter für die nächste “Bravo Hits” - doch wir legen diese großartige Band jedem Musikenthusiasten wärmlichst ans Herz. Eine sehr beruhigende Mischung aus Country und Blues, ein wenig Soul und Funk vielleicht. Vor allem die neueren Platten sind sehr ausgereift und ein wahrliches Muss in jeder Sammlung.
Eine Antwort für "Porträt: “Lambchop” - zwei Dekaden güldener Töne"
[...] entgingen mir auch die 1991 in England formierten “Tindersticks”. Ausgerechnet Kurt Wagner weckte mein Interesse schließlich durch eine kurze Referenz an Stuart Staples während [...]
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