Im Gespräch: Prof. Dr. Christian Sch., stellvertretender Seminarleiter “Philosophie für Unterprivilegierte” am Nordeingang des Hamburger Hauptbahnhofs, und Prof. Dr. Peter M., Notfall-Hausmeister am Münchner Klinikum Großhadern

Prof. Dr. M.: Wie finden Sie meine Tischdecke über der Gästekloschüssel, Herr Kollege?

Prof. Dr. Sch.: Ui, flott, eine Weihnachtstischdecke. Vergangen und doch futuristisch. Eine wundervolle Verquickung bedeutsamer Tischdeckenelemente, die unvollständige Bestickung, gleichzeitig die verhaltene Einarbeitung von Mustern am Ende - ein Meisterwerk!

Prof. Dr. M.: Der Künstler hat hier eindeutig seine zerrissene Kindheit verarbeitet. Die Nadel, die den Faden des Lebens führt, sticht immer wieder zu, und das dabei wie zufällig entstehende Muster impliziert letztendlich doch einen gewissen Sinn, der sich aus den Widernissen und Unvollkommenheiten allen Seins zusammensetzt, ja, zusammenfindet…

Prof. Dr. Sch.: Herrlich interpretiert, Herr Kollege. Wobei es auch sein könnte, dass eben jener Faden die Nadel führt, eine Umkehrung der Verhältnisse wäre die Folge. In diesem Fall hätte er eine wundervolle Kindheit gehabt und muss die Flucht vor dem Erwachsenwerden durch Farben und Formen zum Ausdruck bringen, die eben jene Zerrissenheit verdeutlichen.

Prof. Dr. M.: Oder ist es nicht vielmehr so, dass Nadel und Faden hier eine fruchtbare Vereinigung eingehen, den Künstler so quasi allein lassen und ein plötzliches Eigenleben entwickelt haben? Wusste der Stickerer am Ende wirklich noch, was er am Anfang wollte? Entwickelt sich hier die Tischdecke in ihrer Gesamtheit nicht unkontrolliert zur Fruchtblase, die in jedem Moment zu platzen droht und der ungezügelten Wahrheit Tür und Tor öffnet? Wissen wir denn, was diese Tischdecke für unser eigenes Leben bedeutet? Ein chronisches Widerspiel von Stechen und Ziehen, Stechen und Ziehen, immer wieder, immer heftiger, bis die Spindel leer ist, die Nadel stumpf, der Künstler atemlos…

Prof. Dr. Sch.: Was mich zu der Überlegung bringt: Kann man davon ausgehen, dass die Tischdecke sich in ihrer Gesamtheit ihrer selbst bewusst ist? Wäre dem so, würde dann nicht auch das Verhältnis von Künstler/Kunst umgekehrt werden? Wer hat dann noch wen gemacht? Hat nicht die Decke den Künstler gemacht, kann der Künstler überhaupt die Decke machen? Ist nicht der Künstler Künstler wegen seiner Kunst, ist er also Sohn seines eigenen Kindes?

Prof. Dr. M.: Ich persönlich halte es für immens gefährlich, das Verhältnis Künstler/Kunst in diesem Falle umzukehren. Des Künstlers Kampf mit seiner eigenen Decke resultiert aus seiner ebenso eigenen Unfähigkeit, sein Produkt ihm selbst untertan zu machen. Der Künstler hat hier meiner Meinung nach einen entscheidenen Fehler gemacht: Er hat zu irgendeinem Zeitpunkt, den wir leider nicht mehr rekonstruieren können, die Decke sich selbst überlassen. Was passiert nun? Die Decke, plötzlich sich ihrer selbst bewusst werdend, wiegt sich gewissermaßen in Sicherheit, wohl wissend, dass die schmerzenden Stiche ihres Peinigers nichts anderes sind als eine Art Flucht. Weiter kann die Decke nicht denken. Immerhin ist sie nur eine Decke. Also empfindet sie die Stiche nicht als Stiche, sondern als eine Art Führung. Schmerz wandelt sich hier um in Wegweisung. Der Künstler als Führer, als Orientierungshilfe für die im Prinzip umherirrende Decke.

Prof. Dr. Sch.: Dem muss ich zustimmen. Das Prinzip des Schmerzes als logischer Antrieb für Veränderung gefällt mir sehr gut. Dem Künstler wäre somit gelungen, die Sinnsuche des Menschen optisch auf ein Textil zu übertragen. Der Mensch leidet unter der offiziell nicht gegebenen Begründung seiner Existenz, also entwickelt er sich, d.h. er sucht und hofft zu finden. Wie die umherirrende Decke oder der unzufriedene Faust.

Prof. Dr. M.: Genau. Ich bin froh, dass Sie dies erwähnen. Die Decke als Mittel zum Zweck, sich erst in sie EINzuwickeln, um sich dann wie Phönix aus der Asche zu ENTwickeln. Via Nadelstich zur sich immer wiederholenden Wahrheit, die - mal innen, mal außen - ihre zwei Gesichter gerade in diesem Vollzug so deutlich wie sonst nie zeigt. Der Künstler gibt der Decke als Zwischenwelt zwischen Wahrheit und Fantasie ja gerade dadurch eine Chance, sich selbst bewusst zu werden, um mit ihrer Hilfe sein Selbst zu finden. Dabei ist es völlig unerheblich, mit welcher Seite sich der Künstler zuerst EINwickelt. Erst die finale ENTwicklung zeigt uns dann - wenn auch zu spät -, ob die richtige Entscheidung getroffen wurde.

Prof. Dr. Sch.: Wobei die Begrifflichkeit des Wortes “richtig” eine gewisse Relativität in sich birgt. Gibt es ein “richtig”, muss es auch ein “falsch” geben. Jedoch nicht frei schwirrend im Raume oder unter Birken oder wie es Sand am Meer gibt: vielmehr in unserem Kopf bzw. in dem jedes einzelnen. Ein “falsch” kann somit auch richtig sein, ein “richtig” darf auch als falsch gelten. Was zu einer Nihilierung der Verhältnisse führt: alles = nichts, aber auch nichts = alles, aber auch nichts = nichts und alles = alles. Unverrückbar faktisch existent bleibt aber die Entscheidung, die getroffen wird, ständig, von jedem und allem, bewusst oder unbewusst (beides setzt ein Bewusstsein voraus, was aber für die Entscheidung nicht vonnöten ist), vom EINwickler als auch vom ENTwickler, von der Bananenstaudenwurzel bis zur Rotation der Saturnringe - die Entscheidung für die Veränderung. Nichts kann sich dagegen entscheiden, alles verändert sich, ständig, überall, kein Atom ausgenommen.

Prof. Dr. M.: Darf ich das so verstehen, lieber Herr Kollege, dass Sie die Zwischenräume, die sich auf den unbestickten Bereichen zwischen den Mustern befinden, keineswegs als NICHTS bezeichnen würden? Dass der Künstler ergo ganz bewusst - und hier befinden wir uns bereits auf sehr glattem Terrain - die Leere als (wenn auch behutsamen) Versuch sieht, sein Schwanken hinsichtlich der letzten Konsequenz zu physikalisieren? Wenn dem so ist, so ist sein abruptes Stoppen an einer bestimmten Stichstelle doch eigentlich nur als Täuschungsmanöver zu werten: Ich höre zwar hier auf, fange aber an einer anderen Stelle wieder an. Welche Stelle das sein wird, darüber lässt er den Betrachter vorübergehend im Unklaren. Stellt dies nicht einen gewissen Vertrauensbruch zwischen Künstler und Volk dar?

Prof. Dr. Sch.: Ich empfinde diesen Täuschungsversuch eher als bewusst inszenierten Vertrauensbruch des Künstlers, er spielt mit dem Volk: “Wisset, dass ihr nichts wisset! Werdet euch bewusst, dass all eure Gedanken, Gefühle und Taten auf eurem Vertrauen in eure Wahrnehmung der Welt fußen!” Die Tischdecke als Sinnbild des radikalen Konstruktivismus. Der Künstler zeigt: Wollt ihr mich verstehen, müsst ihr mir schon mit euren baren Händen die Gedanken aus dem Kopfe reißen. Da dem nicht genüge getan werden kann, reduziert sich sein Tun auf die Feststellung der Tatsache, dass jegliche Interaktion zwischen Mensch und Kosmos (also Welt, Natur, Metaphysik usw.) auf dem gleichen Glauben basiert wie die scheinbare Erkenntnis, dass eins und eins zwei ist. Er spielt mit dem Vertrauen des Volkes in sein Werk, ebenso wie das Leben mit dem Gutglauben der Menschen in selbiges.

Prof. Dr. M.: Das kann er aber nur deshalb tun, weil er ja weiß, dass die Tischdecke als physikalische Anhäufung von Atomteilchen nicht umzudiskutieren ist. Ihre reale, ja, ich möchte fast sagen: brutale Existenz duldet selbst im gerade erblühenden 21. Jahrhundert keine Meinungsschwankungen. In den Köpfen der Leute ist und bleibt eingebrannt: Das nackte Tuch, also die unbestickte Decke, ist zwar ein greifbares Nichts, aber durch Einfügen von Mustern sowie dem ganz bewussten Widerspiel mit den Zwischenräumen entsteht plötzlich eine Parallelrealität, die den bereits erwähnten Betrachter geradezu dazu zwingt, sich mit der primären Stichproblematik des Verursachers auseinander zu setzen. So gesehen können wir uns letztlich dem nicht entziehen, auch wenn wir uns mit der Anschaffung eines Tischkleides gar nicht befassen, zumindest nicht in der nahen Zukunft. Das ist des Künstlers Intention, aber auch seine einzige Chance…

Prof. Dr. Sch.: Des Künstlers, aber auch der Decke letzte Chance, mein lieber Kollege. Gelingt es dem Künstler nicht, die Intention deutlich zu machen oder eine beliebige Intention im Betrachter zu wecken, geschieht das Unsägliche: Das Textil und seine Farben und Formen gleiten in die Bedeutungslosigkeit hinab. Das Stichsystem bleibt unentdeckt, wie ein Kartenhaus fällt der für sich im Stillen feixende Wunderakt der Vermittlung zwischen Bedeutung und Bedeutungslosigkeit (die wiederum im Auge des Betrachters liegt) in sich zusammen. Der Schein überdeckt das Sein: Aus ALLEM wird NICHTS, Stoff wird banal.

Prof. Dr. M.: Der Künstler ist also von seiner eigenen, wenn auch nur eventuell stattfindenden Unfähigkeit derart abhängig, dass er noch nicht einmal die Möglichkeit hat, zwischen Symmetrie und Asymmetrie zu wechseln. Täte er dies, so würde sich der Betrachter in Unbehagen winden, das sich leicht zu magenverstimmenden Röchelorgien ausweiten kann. Denkt der Schaffende konvex, so missbilligt er das Auge des zu Beeindruckenden. Denkt er konkav, so bekommt die Decke Falten. Das Muster verzieht sich, das NICHTS zwischen dem SEIN wird unscharf. Und fast zwangsläufig wendet sich der Wohnende ab, überlässt dem Tisch seine Nacktheit. “Wenn das Holz friert, friert auch sein Mensch”, schrieb einmal Keulenbosch. Und die Decke würde in diesem Fall fortan in der Dunkelheit der Kommode ihr ohnehin karges Dasein fristen.

Prof. Dr. Sch.: Auch eine Lösung.